Psychosozialer Verlauf

In den nachfolgenden Zeilen möchte ich meine Erfahrungen mit Psychologen, Psychiatern und Psychotherapeuten möglichst kurz zusammenfassen.

Herbst 2010
Im Herbst 2010 – mehr als zwei Jahren nach der Diagnose des Hirntumor – suchte ich erstmalig einen anerkannten Psychologen in dessen Privatordination auf. Nachdem ich meine Probleme offenbar besonders nüchtern und emotionsarm vorgebracht hatte sah der Psychologe vorerst keinen unmittelbaren Handlungsbedarf und es gab auch kein Attest.

Ein Freund, der mir zu dem Termin geraten hatte, war mit diesem Ergebnis – ebenso wie ich selbst – nicht einverstanden. Einige Monate später besuchten wir den Psychologen gemeinsam erneut und Sascha nutzte die Möglichkeit seine Sichtweisen einzubringen. Nun ergaben sich im Zuge der „klinisch-psychologischen Begutachtung“ folgende Diagnosen …

  • „organisches Psychosyndrom“ (F07 – Persönlichkeits- und Verhaltensstörung nach Krankheit)
  • „Anpassungsstörung mit Angst und depressiver Reaktion gemischt“ (F 43.2)
  • „Agoraphobie“ (F 40.0)
  • „Sozialphobie“ (F 40.1)
  • „generalisierte Angststörung“ (F 41.1),
  • „Angst und depressive Störung gemischt“ (F 41.2)

ab November 2013
Seit dem Auftreten mehrerer generalisierter epileptischer Anfälle nehme ich Levetiracetam ein und suche regelmäßig einen Neurologen auf. Das EEG zeigt seither eine „erhöhte zerebrale Erregungsbereitschaft“, „dysexekutive Störungen“ und eine „mäßiggradige Hirnfunktionsstörung beidseits“. Ein Facharzt erklärte mir auf Nachfrage letzteren Begriff mit den Worten, dass eben „nach drei Schädel OP’s nichts mehr normal wäre“.

ab März 2014
Erstmalig war ich – mit Unterstützung meiner Hausärztin – bereit die Möglichkeiten einer Psychotherapie sowie eines Kuraufenthaltes erstnsthaft zu hinterfragen.

ab September 2014
Ab 1. September 2014 war ich wegen „Erschöpfungsdepression“ über sechs Wochen im Krankenstand und begann zeitgleich eine Psychoeinzeltherapie. Bei der anfangs wöchentlich in Anspruch genommenen Gesprächstherapie wurde erkannt, dass sich zahlreiche Verhaltensmuster wie ein roter Faden durch mein gesamtes Leben ziehen.

Oktober 2014
Ein anerkannter Psychiater attestierte mir nach ausführlichen Anamnesegesprächen

  • eine „unsichere vermeidene Persönlichkeitsstruktur“ (F 60.6),
  • ein „depressives Syndrom“ (F 33.2)
  • sowie „massive Affektdissoziation“.

Im April 2015 erhielt ich die ergänzende Bestätigung, dass „etliche Hinweise auf das Zutreffen des Asperger Syndrom (F 84.5)“ vorliegen würden. In den Jahren 2015/2016 wurde ich von zwei Fachverlagen dazu eingeladen meine persönliche Geschichte in Buchprojekte zum AS einzubringen – weitere Infos finden sich dazu unter aspie.labut.at. Es ist bis heute nicht ganz klar, in wieweit die Verdachtsdiagnose zum Asperger Syndrom mein Verhalten ausreichend erklären kann.

Persönliche Gedanken
Es mag manchen Leser verwundern, dass der Psychologe im Jahr 2010 bei mir vorerst keine gravierenden psychischen Belastungen erkennen wollte. Ich kann dazu lediglich sagen, dass mein emotionsarmes Auftreten auf viele Menschen bereits den Eindruck vermittelt hat, dass ich alles im Griff hätte. Letztlich umschleicht mich nicht selten eine Angst vor mir selbst, dass ich zum wiederholten male falsch wahrgenommen werde.

„Wer nicht jammert, dem geht es bestens“, so dürften manche Zeitgenossen instinktiv denken. Nach der Diagnose des Hirntumor (siehe meningeom.at/krankheitsverlauf) hatte ich im Berufsleben auch keinerlei Rücksichtnahme aktiv eingefordert und erst nach mehr als sechs Jahren erstmalig eine psychotherapeutische Hilfestellung in Anspruch genommen. Es war keineswegs allzu einfach die „richtige“ Therapeutin zu finden – doch ist mir dies letztlich geglückt und ich bin für die Unterstützung auch dankbar.

In späterer Folge empfahl mir ein Neurologe, den ich einmalig aufgesuchte hatte, den Einsatz von Antidepressiva, dem ich mich widersetzte. Auch meine Psychotherapeutin hatte schon vor Jahren für mich einen psychosomatischen Kuraufenthalt angeregt. Ich will die Sinnhaftigkeit einer solchen Kur keinesfalls in Zweifel ziehen, habe mich damals aber nach wochenlanger Überlegungen gegen eine Inanspruchnahme entschieden. Einerseits hatte ich wohl Sorge, dass sich die dortigen Therapeuten von meinem nüchternen Wesen blenden lassen konnten. Aber auch das gemeinschaftliche Zusammensein mit anderen Betroffenen sah ich wohl nicht mit Freude entgegen …


Diese Zeilen wurden am 30. Oktober 2018 überarbeitet.

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