{"id":317,"date":"2015-07-05T22:30:16","date_gmt":"2015-07-05T20:30:16","guid":{"rendered":"http:\/\/aspie.labut.at\/?p=317"},"modified":"2021-04-11T12:14:28","modified_gmt":"2021-04-11T10:14:28","slug":"schoenreden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aspie.labut.at\/schoenreden\/","title":{"rendered":"Sch\u00f6nreden"},"content":{"rendered":"

In meiner Sprache und meinem Verhalten l\u00e4sst sich eine gewisse Neigung zum Sch\u00f6nreden von Befindlichkeiten nicht leugnen. Warum ist das so …?<\/strong><\/p>\n

Bereits in anderen Beitr\u00e4gen habe ich davon erz\u00e4hlt, dass ich dem lamentieren sehr ablehnend gegen\u00fcberstehe. Wenn sich Menschen pausenlos \u00fcber Kleinigkeiten echauffieren wird dies von manchen Zeitgenossen als nervig empfunden. In der Regel werden sie aber entweder mitjammern oder dar\u00fcber hinwegsehen und sich abgrenzen. Es kann aber fallweise auch schwierig sein eine klare Trennlinie zwischen unbegr\u00fcndeter Jammerei und einer notwendigen kritischen Betrachtungsweise zu ziehen.<\/p>\n

Im Sommer 2014 habe ich zweimalig einen Psychotherapeuten in Nieder\u00f6sterreich aufgesucht und ihm von der f\u00fcr mich belastenden Wahrnehmung der Mitmenschen berichtet. Die Worte, welche er mir in diesem Zusammenhang erwiderte, werde ich wohl nicht so rasch vergessen. Er pflichtete mir einerseits bei und gestand ein, dass ihm die aufgezeigten Verhaltensmuster in der Gesellschaft ebenso wenig gefallen w\u00fcrden. Als Problem an meiner Pers\u00f6nlichkeitsstruktur befand er aber, dass mein Verhalten jenem der von mir kritisierten Zeitgenossen „um 180 Grad entgegengesetzt sei<\/strong>„. Dadurch w\u00e4re es auch erkl\u00e4rbar, dass das Lamentieren f\u00fcr mich eine massive Belastung darstellen w\u00fcrde.<\/p>\n

Man k\u00f6nnte nun stark verk\u00fcrzt und vereinfacht meinen, dass manche Menschen zuviel und ich eben zu wenig jammern w\u00fcrde. Aus meiner Sicht hat der Psychotherapeut mein Denken exzellent auf den Punkt gebracht. Ich bin mir meiner eigenen Ausdrucksweise mehr als bewu\u00dft und wei\u00df auch, dass ich zum sch\u00f6nreden tendiere. Dennoch kann ich nicht wirklich schl\u00fc\u00dfig erkl\u00e4ren warum ich dies tue. Als erste Ursache ist wohl meine schon mehr als verinnerlichte Rhetorik zu sehen, die zwar wortreiche Formulerungen hervorbringt aber keinerlei Emotionen erkennen l\u00e4sst. Eine allzu saloppe, von manchen vielleicht auch als provokante \u00c4u\u00dferung bezeichnete, Aussage wird man von mir selten bis gar nicht zu h\u00f6ren bekommen.<\/p>\n

Als weiteren verantwortlichen Aspekt sehe ich die mangelnde emotionale F\u00e4higkeit einen Konflikt auszutragen. Um den Frieden aufrecht erhalten zu k\u00f6nnen habe ich mich schon \u00fcber l\u00e4ngere Zeit damit abgefunden ausgenutzt zu werden. Diese Eigenschaft sagt mir innerlich, dass jede Aussage und Handlung zu vermeiden w\u00e4re, die mich in eine Konfliktsituation man\u00f6vrieren k\u00f6nnte. Ich bin einfach davon \u00fcberzeugt, dass die Anderen st\u00e4rkere Nerven haben und ich den k\u00fcrzeren ziehen w\u00fcrde. In diesem Punkt sehe ich aber auch die gr\u00f6\u00dfte Chance auf eine nachhaltige Ver\u00e4nderung – n\u00e4mlich dann, wenn ich einsehe dass ich mir eigentlich durchaus mehr zutrauen d\u00fcrfte und eine gewisse Feigheit \u00fcberwinden sollte.<\/p>\n

Als letzte m\u00f6gliche Ursache f\u00fcr meine ungewollte Sch\u00f6nredekunst sei mein Verh\u00e4ltnis zum Small Talk erw\u00e4hnt. Die gesellschaftliche Interaktion ist leider in weiten Teilen mit Floskeln unterlegt, die es aus meiner Sicht durchaus erschweren tiefere Botschaften zu vermitteln. Die fl\u00fcchtige Frage nach dem Befinden kann zwar eine gelungene Gespr\u00e4chsanbahnung sein, in Wahrheit wird aber keine wirkliche Antwort erwartet. Und so erwidere ich dann – wie die meisten Menschen – ein kurzes „Danke, gut“ und die Sache ist erledigt. Wenn ich damit beginnen w\u00fcrde mein Seelenleben auszubreiten w\u00fcrde dies wohl den Rahmen sprengen und mein Gegen\u00fcber gleicherma\u00dfen erstaunen wie auch verwirren.<\/p>\n

Es ist leider so, dass ich nicht wirklich dazu bereit bin meinem Gegen\u00fcber in angemessener Form zu zeigen, wenn mich sein Verhalten \u00e4rgert. Das hat auch damit zutun, dass der \u00c4rger nicht zum Zeitpunkt der Botschaft, sondern zumeist erst kurze Zeit sp\u00e4ter entsteht. Dann kann es durchaus sein, dass in meiner Gedankenwelt ein wortreicher und vielleicht sogar emotionsgeladener Konter entsteht, der aber dennoch selten den Adressaten erreichen wird.<\/p>\n

Die eigentliche Problematik besteht aber darin, dass mein Sch\u00f6nreden von vielen Menschen nicht als solches wahrgenommen wird. Die Gesellschaft agiert zumeist oberfl\u00e4chlich und neigt dazu sich am Durchschnitt zu orientieren, dem ich nicht entspreche. Wenn ich nun den Versuch unternehme mich \u00fcber einen pers\u00f6nlichen Umstand zu beklagen wird dies oft als zu zaghaft empfunden und man erwidert mir sinngem\u00e4\u00df, dass doch ohnehin alles in bester Ordnung und „normal“ w\u00e4re. Dann kann es passieren dass mein eigenes Sch\u00f6nreden noch \u00fcberboten und der Versuch daraus auszubrechen im Keim erstickt wird.<\/p>\n

Ich habe in dem heutigen Beitrag einen weiteren Versuch unternommen mein nach au\u00dfen getragenes Bild kritisch zu hinterfragen. Die Problematik ist mir mehr als bewu\u00dft und ich habe mich schon viel zu lange fahrl\u00e4ssig damit abzufinden versucht und dies mit zunehmender Unausgeglichenheit bezahlt. Auf der anderen Seite soll, kann und wird es nicht darauf hinauslaufen, dass ich ein anderer Mensch werde. Aber mit Unterst\u00fctzung meiner Psychotherapeutin und nat\u00fcrlich meinem eigenen Zutun sollten manche kleine Korrekturen an den schon zu festgefahrenen Verhaltensmustern m\u00f6glich sein.<\/p>\n

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