Leukämie

Der erste vermeintliche Aufschrei meiner Psyche machte sich im Jahr 1985 am Beginn der achten Schulstufe, kurz vor meinem 14. Geburtstag, bemerkbar.

Aufgrund von Blutungszeichen, Appetitlosigkeit und anhaltender Blässe suchte ich mit meinen Eltern den Hausarzt auf, der rasch den Ernst der Lage erkannte. Nach einer ausführlichen Laboruntersuchung wurde schon am nächsten Tag die Diagnose einer akuten lymphoblastischen Leukämie gestellt. Ich wurde an die onkologische Abteilung des St. Anna Kinderspital in Wien überstellt wo die Leukämie über einen längeren Zeitraum durch Chemo- und Strahlentherapie behandelt und geheilt werden konnte. Ich kann nicht mehr sagen ob mir die Tragweite meiner Situation damals bewußt war und wie ich das miterlebte Schicksal anderer krebskranker Kinder verarbeitet habe. Einmalig hatte ich im Krankenhaus ein Gespräch mit einer Kinderpsychologin geführt, die aber offenbar an meiner Psyche auch keinerlei Auffälligkeiten erkennen wollte.

Ein guter Teil der nicht unstrapaziösen Behandlungen konnte auf ambulanten Weg erfolgen, sodaß es mir möglich war das Schuljahr durch eine von der Schulverwaltung zur Verfügung gestellten Lehrerin im Heimunterricht abzuschließen. Die Situation einer Krebserkrankung in der Schulklasse ist bestimmt nicht alltäglich und bald erhielt ich von meinen einstigen Klassenkollegen zahlreiche Briefe mit Genesungswünschen. Da ich dahinter aber mehr eine Klassenarbeit als ein persönliches Anliegen vermutete fielen meine Antworten eher spärlich aus. Es war mir bewußt, dass ich in diese Schulklasse nicht mehr zurück mußte und empfand dies als Erleichterung.

In dieser Zeit entdeckte ich mein Interesse für den Computer und absolvierte nach der Hauptschule eine dreijährige Ausbildung zum EDV-Kaufmann. Aufgrund der vorangegangenen Erkrankung war ich vom Turnunterricht befreit, was mir sehr gelegen erschien. Aber dennoch wurde ich auch hier – unter gänzlich anderen Schulkollegen – zum Ziel von Schikanen und Ausgrenzungen, auf die ich im Detail gar nicht näher eingehen möchte.

Es ist wahrscheinlich nicht unmittelbar vergleichbar, ob man als sechsjähriger oder als sechszehnjähriger Schüler im Klassenverband gemobbt wird. Aber dieser Umstand ist für mich dennoch der Beweis dafür, dass es nicht ausschließlich an einzelnen Mitschülern gelegen sein kann, dass ich immer wieder als Zielscheibe ausgewählt wurde. Selbst sah ich keine großen Chancen etwas daran zu verändern und verharrte im schweigen. Irgendwann mal würde es schon besser werden und alles wäre überstanden …

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