Selbstschutzexperten

Erst kürzlich wurde ich auf das Buch „Und plötzlich aus der Spur …“ aufmerksam, welches sich nun auch in meinem Buchregal findet. Die beiden Autoren aus Deutschland sind der Frage nachgegangen, mit welchen Beeinträchtigungen die Betroffenen einer „erworbenen hirnorganischen Erkrankung“ konfrontiert werden können. Nach einem Schlaganfall, einem Schädel-Hirn-Trauma oder einem Hirntumor ist das Leben nicht mehr so, wie es vorher war. Das Patientenbuch spricht die Probleme direkt an und soll dabei helfen das Beste aus der aktuellen Situation zu machen.

Schon in der Vergangenheit habe ich mich mit Büchern beschäftigt, in denen Betroffene sehr eindrucksvoll von ihrem Leben nach der Diagnose eines Hirntumores berichtet haben – einen kurzen Überblick findet ihr unter meningeom.at. Aber auch das 211seitige Werk über das Leben mit neurologischen Erkrankungen hat meine inhaltlichen Erwartungen sehr gut erfüllt. Es werden unter anderem Themen wie Persönlichkeits- und Verhaltensänderungen, aber auch Schuldgefühle und die Möglichkeiten der neurologischen Rehabilitation behandelt.

Das Kapitel 5.3 beschäftigt sich mit den „psychisch krank machenden Denkmustern“, von denen 13 solche – vom Katastrophendenker bis zum Punktekämpfer – vorgestellt werden. Ich musste in Zusammenhang mit meiner eigenen Krankengeschichte zuletzt verstärkte psychische Probleme wahrnehmen und habe auch schon über geeignete therapeutische Maßnahmen nachgedacht. Beim Lesen des Buches „Und plötzlich aus der Spur …“ war ich anfangs durchwegs verblüfft, als ich die Beschreibung eines Denkmusters vorfand, welches sehr weitgehend meiner Persönlichkeit entspricht. Es handelt sich dabei um den „Selbstschutzexperten“ und dessen Eigenschaften, denen ich meinen heutigen Beitrag im „Mind Blog“ widmen möchte.

Die Autoren erläutern (auszugsweise), dass „Selbstschutzexperten versuchen mit allen Tricks ihre Schwachstellen zu verbergen oder zu überspielen. In der Regel wirken sie selbstsicher, teils resolut und zielstrebig, teils freundlich distanziert oder besonders gelassen. Manchmal erscheinen sie auch überheblich, arrogant oder zynisch. Kommen Selbstschutzexperten in die Situation krank und hilfsbedürftig zu sein erfüllen sich gewissermaßen alle ihre Albträume. Im Rahmen der Therapie versuchen Vertreter dieses Denkstils häufig hartnäckig ihre Fassade aufrecht zu erhalten.“

Der eine oder andere Leser, der mich persönlich kennt, wird nun möglicherweise zu grübeln beginnen, wo ich in dieser Beschreibung die Parallelen zu mir selbst sehen würde. Das möchte ich versuchen in einigen wenigen Punkten aufzuzeigen.

  • Ja, der Selbstschutz spielt in meinem Verhalten bestimmt eine große Rolle – wenngleich er weniger bewusst ausgelebt, als sich vielmehr verinnerlicht hat. Wenn ich meine Schwächen nicht zeige oder sie auch totschweige biete ich anderen Menschen weniger Angriffsflächen. Wann und wodurch sich diese Eigenschaft in mir manifestiert hat kann ich nicht sagen. Es mag schon sein, dass man nicht wie ein „offenes Buch“ durchs Leben schreiten muss und auch Distanzen wahren kann, doch hat das Denkmuster des „Selbschutzexperten“ auch zahlreiche unschöne Nebenerscheinungen.
  • Aus einer Selbstbeobachtung heraus nehme ich immer mehr wahr, wiesehr ich meinen Mitmenschen ein Schauspiel abliefere oder eine Mauer aufbaue. Dadurch kann das Bild eines selbstsicheren Pragmatikers entstehen, was einer fatalen Fehleinschätzung entspricht. Dieser Umstand ist von mir aber keinesfalls gewollt, da mir auch bewusst ist, dass es das Schauspiel nur wenigen Menschen ermöglicht Einblicke in mein Seelenleben zu bekommen und ich unverstanden bleibe.
  • Auch die in dem Buch beschriebenen Eigenschaften des überheblich und arrogant wirkenden Typen sind – im besonderen beim Kennenlernen von Menschen – bei mir nicht unzutreffend. Obwohl ich denke, dass ich ein unterdurchschnittliches Selbstbewußtsein besitze schaffe ich es dennoch mit einer emotionslosen, aber durchwegs ausgefeilten Rethorik ein gänzlich falsches Bild zu vermitteln.
  • Ein Teil in mir zeigt sich durchaus einsichtig, dass die Inanspruchnahme von psychotherapeutischer Unterstützung notwendig und auch zielführend sein könne. Aber das Bewußtsein, dass ich meinem Umfeld doch bisher eine Fassade geliefert habe, die mit einem solchen Schritt nicht in Einklang zu bringen wäre hindert mich noch ein wenig. Auch in diesem Punkt entspricht meine Selbsteinschätzung der Beschreibung des Denkmuster eines Selbstschutzexperten.

Abschließend wird in dem Buch zu einer Therapie von Selbstschutzexperten darauf hingewiesen, dass diese „nur, wenn sie ihre Schwachstellen und Defizite eingestehehen, diese durch Übung und Therapie abbauen könnten“. Dem ist wohl nicht viel hinzuzufügen …


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Und plötzlich aus der Spur …
Ratgeber für Betroffene und Angehörige

von Angela Luppen und Harlich H.Staveman
Beltz Verlag
211 Seiten


Dieser Beitrag wurde auch im „Mind Blog“ auf labut.at veröffentlicht.

 

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