Schönreden

In meiner Sprache und meinem Verhalten lässt sich eine gewisse Neigung zum Schönreden von Befindlichkeiten nicht leugnen. Warum ist das so …?

Bereits in anderen Beiträgen auf labut.at habe ich davon erzählt, dass ich dem lamentieren sehr ablehnend gegenüberstehe. Wenn sich Menschen pausenlos über Kleinigkeiten echauffieren wird dies von manchen Zeitgenossen als nervig empfunden. In der Regel werden sie aber entweder mitjammern oder darüber hinwegsehen und sich abgrenzen. Es kann aber fallweise auch schwierig sein eine klare Trennlinie zwischen unbegründeter Jammerei und einer notwendigen kritischen Betrachtungsweise zu ziehen.

Im Sommer 2014 habe ich zweimalig einen Psychotherapeuten in Niederösterreich aufgesucht und ihm von der für mich belastenden Wahrnehmung der Mitmenschen berichtet. Die Worte, welche er mir in diesem Zusammenhang erwiderte, werde ich wohl nicht so rasch vergessen. Er pflichtete mir einerseits bei und gestand ein, dass ihm die aufgezeigten Verhaltensmuster in der Gesellschaft ebenso wenig gefallen würden. Als Problem an meiner Persönlichkeitsstruktur befand er aber, dass mein Verhalten jenem der von mir kritisierten Zeitgenossen „um 180 Grad entgegengesetzt sei“. Dadurch wäre es auch erklärbar, dass das Lamentieren für mich eine massive Belastung darstellen würde.

Man könnte nun stark verkürzt und vereinfacht meinen, dass manche Menschen zuviel und ich eben zu wenig jammern würde. Aus meiner Sicht hat der Psychotherapeut mein Denken exzellent auf den Punkt gebracht. Ich bin mir meiner eigenen Ausdrucksweise mehr als bewußt und weiß auch, dass ich zum schönreden tendiere. Dennoch kann ich nicht wirklich schlüßig erklären warum ich dies tue. Als erste Ursache ist wohl meine schon mehr als verinnerlichte Rhetorik zu sehen, die zwar wortreiche Formulerungen hervorbringt aber keinerlei Emotionen erkennen lässt. Eine allzu saloppe, von manchen vielleicht auch als provokante Äußerung bezeichnete, Aussage wird man von mir selten bis gar nicht zu hören bekommen.

Als weiteren verantwortlichen Aspekt sehe ich die mangelnde emotionale Fähigkeit einen Konflikt auszutragen. Um den Frieden aufrecht erhalten zu können habe ich mich schon über längere Zeit damit abgefunden ausgenutzt zu werden. Diese Eigenschaft sagt mir innerlich, dass jede Aussage und Handlung zu vermeiden wäre, die mich in eine Konfliktsituation manövrieren könnte. Ich bin einfach davon überzeugt, dass die Anderen stärkere Nerven haben und ich den kürzeren ziehen würde. In diesem Punkt sehe ich aber auch die größte Chance auf eine nachhaltige Veränderung – nämlich dann, wenn ich einsehe dass ich mir eigentlich durchaus mehr zutrauen dürfte und eine gewisse Feigheit überwinden sollte.

Als letzte mögliche Ursache für meine ungewollte Schönredekunst sei mein Verhältnis zum Small Talk erwähnt. Die gesellschaftliche Interaktion ist leider in weiten Teilen mit Floskeln unterlegt, die es aus meiner Sicht durchaus erschweren tiefere Botschaften zu vermitteln. Die flüchtige Frage nach dem Befinden kann zwar eine gelungene Gesprächsanbahnung sein, in Wahrheit wird aber keine wirkliche Antwort erwartet. Und so erwidere ich dann – wie die meisten Menschen – ein kurzes „Danke, gut“ und die Sache ist erledigt. Wenn ich damit beginnen würde mein Seelenleben auszubreiten würde dies wohl den Rahmen sprengen und mein Gegenüber gleichermaßen erstaunen wie auch verwirren.

Es ist leider so, dass ich nicht wirklich dazu bereit bin meinem Gegenüber in angemessener Form zu zeigen, wenn mich sein Verhalten ärgert. Das hat auch damit zutun, dass der Ärger nicht zum Zeitpunkt der Botschaft, sondern zumeist erst kurze Zeit später entsteht. Dann kann es durchaus sein, dass in meiner Gedankenwelt ein wortreicher und vielleicht sogar emotionsgeladener Konter entsteht, der aber dennoch selten den Adressaten erreichen wird.

Die eigentliche Problematik besteht aber darin, dass mein Schönreden von vielen Menschen nicht als solches wahrgenommen wird. Die Gesellschaft agiert zumeist oberflächlich und neigt dazu sich am Durchschnitt zu orientieren, dem ich nicht entspreche. Wenn ich nun den Versuch unternehme mich über einen persönlichen Umstand zu beklagen wird dies oft als zu zaghaft empfunden und man erwidert mir sinngemäß, dass doch ohnehin alles in bester Ordnung und „normal“ wäre. Dann kann es passieren dass mein eigenes Schönreden noch überboten und der Versuch daraus auszubrechen im Keim erstickt wird.

Ich habe in dem heutigen Beitrag einen weiteren Versuch unternommen mein nach außen getragenes Bild kritisch zu hinterfragen. Die Problematik ist mir mehr als bewußt und ich habe mich schon viel zu lange fahrlässig damit abzufinden versucht und dies mit zunehmender Unausgeglichenheit bezahlt. Auf der anderen Seite soll, kann und wird es nicht darauf hinauslaufen, dass ich ein anderer Mensch werde. Aber mit Unterstützung der Psychotherapie und natürlich meinem eigenen Zutun sollten manche kleine Korrekturen an den schon zu festfefahrenen Verhaltensmustern möglich sein.


Dieser Beitrag wurde auch im „Mind Blog“ auf labut.at veröffentlicht.

 

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