Vergänglichkeit

Unsere Vergänglichkeit wird von manchen Menschen als Tabu-Thema betrachtet. In den nachfolgenden Zeilen möchte ich meine Sichtweise beleuchten …

Ich respektiere selbstverständlich die Gefühle meiner Mitmenschen und bringe dieses Thema deswegen auch selten bis gar nicht zur Sprache. Als problematisch empfinde ich aber meinen nach außen gezeigten doch sehr nüchternen Umgang mit dem Tod, was dann wieder ein falsches Bild von meinem Denken und Empfinden vermitteln kann.

In diesem Beitrag werden zweifellos sehr persönliche Aspekte abgehandelt – es ist mir wichtig eine Zeitreise zu unternehmen um manches vielleicht verdeutlichen zu können …

Die eigene Krankengeschichte

Im Alter von 14 Jahren erkrankte ich an akuter lymphoblastischer Leukämie, die über eine mehr als zwei Jahre andauernde Chemo- und Strahlentherapien geheilt werden konnte. Ich kann nicht sagen, wiesehr ich meine kritische Situation damals realisiert und hinterfragt habe – ich hege durchaus die Befürchtung alles stets verdrängt zu haben. Auch wenn es mir nicht verborgen blieb, dass andere Kinder im Krankenhaus ihren Kampf gegen den Krebs verloren hatten weiß ich dass ich mich praktisch nie mit anderen Menschen darüber ausgesprochen habe. Auch eine psychoonkologische Unterstützung war offenbar als nicht notwendig empfunden worden.

Im Jahr 2008 wurde der Hirntumor diagnostiziert und konnte bislang durch mehrfache OP’s und Bestrahlungen in Schach gehalten werden. Eine vollständige Tumorextirpation ist nicht möglich und ein neuerliches Wachstum kann wohl nur verzögert werden. Die Ärzte versuchten zeitweise zu beschönigen, wenngleich mir bewusst ist dass man in der Therapie schon recht nah an die Grenzen des möglichen gegangen war.  Da ich nach außen hin – bis heute – unbewusst das Bild eines weitgehend funktionsfähigen Zeitgenossen vermittle wird auch meine Gedankenwelt oft falsch eingeschätzt.

In Wahrheit habe ich mich ausführlich mit der Prognose beschäftigt und letztlich eine medizinische Studie gefunden, die bei atypischen Meningeomenen eine „5 Jahres Überlebensrate von 57 Prozent“ ausgewiesen hatte. Im Grunde genommen darf ich sieben Jahre nach der Erstdiagnose mit meinem Verlauf zufrieden sein. Es ist mir auch bewusst, dass eine solche statistische Aussage mit etwas Vorsicht zu genießen ist. Auch wenn ich mich mit der Sache arrangiert habe muss ich doch damit leben, dass am Ende des Tages der Tumor wahrscheinlich gewinnen wird. Aber es bleibt die berechtigte Hoffnung, dass dieser Tag noch länger auf sich warten lässt und ich möchte versuchen den soeben begonnenen neuen Lebensabschnitt so positiv wie möglich zu gestalten. Auch in der Selbsthilfegruppe und manchem Forum, in welchem sich Betroffene austauschen, kann dieser Aspekt immer wieder zum Thema werden und ich denke, dass es wichtig ist sich ihm nicht zu verschließen.

Abschied nehmen müssen

Im Juli 1995 verunglückte mein Bruder im 32. Lebensjahr beim Sporttauchen und ich habe meine Gedanken zu seinem 20. Todestag in anderen Beiträgen auf labut.at wiederzugeben versucht. Es braucht wohl keine Erwähnung, dass dieser Schicksalsschlag die kleine Familie tief erschüttert hat. Aber dennoch erinnere ich mich noch mit seltsamen Gefühlen daran wie nüchtern und emotionsarm ich mich damals verhalten habe.  Einblicke in meine Gefühle konnte ich nicht mal in einer solchen Situation gewähren. Was sagt das über mich aus …?

Im Jänner 2008 starb meine Mutter im 69. Lebensjahr an Krebs – nur wenige Monate nachdem sie sich für einen mutigen und neuen Lebensabschnitt entschieden hatte. Auch wenn die Ärzte von Beginn an wohl kaum Chancen sahen ließ man uns lange Zeit im Ungewissen. Die letzten Wochen, die meine Mutter im Siebenbettzimmer eines Wiener Krankenhauses verbringen musste,  kann ich nur zu verdrängen versuchen. Wenngleich auch dieser Schickssalschlag völlig unerwartet eingetreten war konnte ich nach außen keine Emotionen zeigen und vermittelte auf manche Menschen vielleicht das fragwürdige Bild eines Sohnes, dem es  lediglich um eine Pflichterfülung gegangen wäre.

Unsere Oma hatte eine beispiellose Lebenseinstellung, wenngleich ihr vom Schicksal nicht viel erspart blieb. In durchwegs hohem Alter hatte sie nicht nur ihren Enkel und ihre Tochter zu Grabe tragen müssen sondern auch schwerwiegende Krankheiten gemeistert. Erst nach dem 90. Geburtstag war die Mobilität eingeschränkt, doch blieb ihr der klare Geist bis zum letzten Tag erhalten. Seit dem 98. Geburtstag kämpfte sie nach zwei Herzinfarkten immer öfters mit Atemnot. Im Sommer 2014 musste sie im Pensionistenwohnhaus auf die Pflegestation verlegt werden – es wäre schön gewesen, wenn dieser letzte Schritt noch ausbleiben hätte können. Am 18. September 2014 starb meine Oma im 100. Lebensjahr in einem Wiener Krankenhaus. Sie wäre „friedlich eingeschlafen“, wurde mir von der Krankenschwester versichert.

Mein Vater steht kurz vor dem 85. Geburtstag und leidet an hochgradiger Arthrose und Osteoporose, degenerativer Wirbelsäulenveränderung, Niereninsuffizienz, arterieller Hypertonie, Parkinson, Demenz, Inkontinenz sowie einem chronischen Schmerzsyndrom. Seine Gattin, mir der ich keinerlei vernünftige Basis finden kann, verwehrt jede professionelle Hilfe, wenngleich sie selbst sichtlich mit der Pflege völlig überfordert ist. Dies führt dazu, dass sich die Krankenhausaufenthalte bei meinem Vater mehren und ich alles daran setzen will um ihm einen noch halbwegs würdigen Lebensabend bereiten zu können. Das „Leben um jeden Preis“ ist aus meiner Sicht eine bestimmt gut gemeinte und gern strapazierte Floskel, die ich für mich selbst aber etwas relativiert betrachten möchte.

PFL

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