Start ins Berufsleben

In den nachfolgenden Zeilen möchte ich mich mit dem zweifellos holprigen Eintritt ins Berufsleben auseinandersetzen …

Im Juni 1989, wenige Monate vor meinem 18. Geburtstag, konnte ich die Schulausbildung abschliessen. Da mich das Bundesheer aufgrund einer vorangegangenen Krebserkrankung für untauglich erklärt hatte war es mir möglich bereits auf Jobsuche zu gehen. Eine besondere Präferenz hatte ich wohl nicht, doch empfand ich den Berufseinstieg vorrangig als großen Schritt zu mehr persönlicher Freiheit und Selbstständigkeit.

In der Zentrale eines Elektronikhändlers sollte das zweiköpfige Team der IT-Betreuer erweitert werden und bereits Anfang August hatte ich dort meinen ersten Arbeitstag. Die Erinnerungen an die damalige Kollegenschaft sind beinahe gänzlich verblaßt, aber die sozialen Mankos waren auch im Berufsleben erkennbar. Das Aufgabengebiet stellte keine besondere Herausforderung dar, doch hatte ich offenbar Probleme mich in das kleine Team zu integrieren. Aufgrund eines ungeschickten Verhaltens wurde ich nach nur zwei Monaten gekündigt.

Ohne mich arbeitslos zu melden widmete ich mich umgehend wieder den Stellenausschreibungen in den Tageszeitungen. Ein PC-Händler mit Zentrale in Tirol war gerade auf Expansionskurs und wollte in Wien bald seine zweite Filiale eröffnen. Nach einem kurzen Vorstellungsgespräch hatte ich den Dienstvertrag auch schon in der Tasche. Es wurde vereinbart, dass ich zwecks Einschulung einige Wochen in der Filiale in Innsbruck verbringen würde. Möglicherweise lockte mich die Aussicht, dass ich nach meiner Rückkehr als Filialleiter in Wien vorgesehen wäre. Nicht berücksichtigt hatte ich wohl dass ich weder für den Verkauf noch für das Assemblieren von Hardware auch nur ansatzweise ein Geschick aufwies. Das Anstreben eines bestimmten Aufgabenbereiches oder eine ungefähre Planung für meine berufliche Zukunft hatte ich mir aber wohl nicht zugetraut. Ich kann heute nur mehr darüber schmunzeln, dass ich in mir als 18jährigen Filialleiter keinen Widerspruch entdecken wollte.

Schon in der darauffolgenden Woche reiste ich mit der Bahn nach Tirol, wo der Dienstgeber mir ein Zimmer in einer kleinen Frühstückspension bereitstellte. Die Arbeitszeit verbrachte ich in der Filiale in Tirol, wo zwei Kollegen ihren Dienst versahen. Die Einschulung war mehr von Hilfsarbeit im Lager geprägt, aber dennoch hatte ich vorerst keine Zweifel an meiner Jobwahl gehegt oder diese auch nur ansatzweise hinterfragt. Nach rund vier Wochen kehrte ich nach Wien zurück, wo ich nun in der eigenen Filiale arbeiten sollte. Mein bestimmt nicht üppiges Monatsgehalt beinhaltete ein Überstundenpauschale, welches eine Sechstagewoche mit mehr als 50 Stunden abdecken sollte. Die Filiale durfte ich zusammen mit einer einzigen Teilzeitkraft betreiben. Doch schon bei den ersten Kundenaufträgen offenbarte sich mein nicht vorhandenes technisches Talent. Am nächsten Tag erhielt ich von der Zentrale ein FAX mit einer kommentarlosen Kündigung und wurde per sofort dienstfrei gestellt.

Ich kann nicht mehr sagen wie ich damals mit dem so kurz aufeinander gefolgten Jobverlust umgegangen bin. Habe ich eingesehen, dass ich für den Job ungeeignet war? Hat es mir leid getan, war ich frustriert oder war es mir egal? Ich weiß es nicht, wahrscheinlich habe ich die näheren Umstände wie so oft verdrängt. Wirklich gute Freunde gab es zu dieser Zeit nicht und meinen Eltern habe ich wohl lapidar erklärt, dass es nicht geklappt hat und ich mich wieder auf Jobsuche begeben müsse. Emotionen werde ich ganz bestimmt keine gezeigt haben, das hatte ich doch bislang nie getan …

Der Jobmarkt dieser Zeit bot für durchschnittlich qualifizierte IT-Einsteiger gute Voraussetzungen. Das nächste Dienstverhältnis ließ auch nicht lange auf sich warten und wies vielversprechende Vorzeichen auf. Ein kleines Bankinstitut in der Wiener Innenstadt suchte für sein Rechenzentrum einen Operator und im Jänner 1990 konnte ich meinen Dienst im Kellergeschoß des altehrwürdigen Gebäudes neben der Staatsoper antreten. Im Schichtbetrieb wurden von zwei Teams mit jeweils drei Mitarbeitern eine Betriebszeit von etwa 6 bis 22 Uhr abgedeckt. Das Dienstverhältnis war auf sechs Monate befristet – dies sei aber nicht ungewöhnlich und es würde ein unbefristeter Vertrag folgen, wurde mir glaubhaft in Aussicht gestellt.

Im Vergleich zu den vorherigen Dienstverhältnissen hatte ich es mir tatsächlich verbessert. Der Aufgabenbereich umfasste das klassische Operating von Mainframes von der Datensicherung auf Magetbändern bis hin zur Nachbearbeitung des Druckoutputs. Ich arbeitete mit zwei etwas älteren Kollegen zusammen, wobei das Verhältnis zu diesen stets sehr förmlich verlief. Diesen Umstand erwähne ich nur deshalb, weil ich auch in späteren Berufsjahren beobachteb musste,  dass mir das Geschick zu einem freundschaftlicheren Umgang mit Kollegen schwer fiel. Der Abteilungsleiter war mit meiner Arbeit zwar zufrieden, der Schichtleiter bemängelte aber das fehlende Geschick bei der Bedienung technischer Hardware.

Ein Consulting Unternehmen wurde zu dieser Zeit vom Mutterkonzern beauftragt das Bankinstitut auf Kosteneffizienz zu überprüfen. Ich kann mich noch daran erinnern wie unsere Arbeitsabläufe mit der Stoppuhr gemessen wurden um die Auslastung zu bewerten. Es lief darauf hinaus, dass unser Team ein Einsparungspotential aufwies, was mir den Arbeitsplatz kostete, da das befristete Dienstverhältnis nicht verlängert werden konnte. Als schwachen Trost erhielt ich ein Dienstzeugnis, in dem mir bestätigt wurde dass ich die Arbeit „mit Fleiß und Gewissenhaftigkeit zur vollsten Zufriedenheit“ erledigt hätte.

In den sechs Monaten als Bankmitarbeiter hatte ich auch meine erste Wohnung angemietet. Die Ehe meiner Eltern stand nach langjähriger Krise vor der Scheidung und die eigene Wohnung war mir ein sehr großes Anliegen gewesen. Die 23 Quadratmeter Substandard ohne Bad und mit WC am Gang wären zwar bestimmt nicht jedermanns Sache gewesen, ließen sich aber finanziell gut arrangieren. Ich hatte nun eine eigene Wohnung, in der ich mich zurückziehen konnte und das war das einzige was zählte …

Anfang Juli des Jahres 1990 hatte ich innerhalb von nur einem Jahr den dritten Job in Folge verloren und meldete mich erstmalig arbeitslos. Ich konnte zu diesem Zeitpunkt zwar noch keine verwertbare Berufserfahrung vorweisen, doch waren mir die Jobinserate in den Zeitungen schon etwas vertraut. Dennoch bin ich keinesfalls gezielt oder gar strategisch an die Sache herangegangen, sondern war ausschließlich darauf bedacht am schnellsten Weg einen neuen Job zu finden. Die geringen finanziellen Verpflichtungen für die kleine Mietwohnung hätten ein übereiltes Vorgehen aber bestimmt noch nicht notwendig gemacht.

Nach nur zwei Monaten konnte ich schon meinen Dienst als Operator in einem Speditionsunternehmen antreten. Das Aufgabengebiet umfaßte unter anderem die Jobsteuerung, das Outputmanagement und den Hardwareservice für die Endanwender. Ein fünfköpfiges Team war werktags im Schichtdienst von 6 Uhr morgens bis 2 Uhr früh im Einsatz. Auch regelmäßige Wochenenddienste waren vorgesehen. Seit kurzem hatte ich ein eigenes Auto – einen VW Käfer, der fast so alt war wie ich – sodaß ich den oftmals nächtlichen Arbeitsweg gut zurücklegen konnte. Mit dem Schichtdienst, den ich über acht Jahre meines Arbeitslebens beschritt, habe ich mich stets gut arrangiert. Nicht nur die finanzielle Abgeltung sondern auch das Vermeiden des strapaziösen Stoßverkehrs kamen mir entgegen.

Ich darf vorweg verraten, dass ich den Arbeitsplatz in der Spedition über mehr als sechs Jahre behalten konnte. Dass dieser Umstand aber zumindest in der ersten Zeit keinesfalls gesichert war möchte ich kurz erläutern. Ich war zusammen mit einem etwas älteren Kollegen aufgenommen worden und wir durchliefen in den ersten Wochen eine Einschulungsphase. Wenn man sich das Schichtsystem genauer ansah fiel allmählich auf, dass das Team um einen Mitarbeiter überbesetzt sein könnte. Dieser Umstand wurde von meiner Seite nie offen hinterfragt und begründete sich wohl in einem gleichermaßen strategischen wie auch berechnenden Kalkül der Vorgesetzten. Auch wenn ich meine Arbeit gewissenhaft verrichtete war mir bewußt, dass ich der schwächste Teil im Team war und meine Anstellung an einem immer seidener werdenden Faden hing. Die Ursache begründete sich weniger in fachlicher Hinsicht als vielmehr in der mangelnden Fähigkeit mich ausreichend sozial in das Arbeitsumfeld integrieren zu können.

Im Frühjahr 1991 mußte ich bei meinem Dienstantritt an einem Montag kurz vor 8 Uhr in der Früh feststellen, dass das Rechenzentrum noch versperrt war. Der langjährige Kollege hätte schon seit 6 Uhr in der Firma sein sollen. Anfangs war ich lediglich etwas verwundert aber bestimmt nicht besorgt wegen seines Fernbleibens. Nachdem ich den Bürobereich selbst aufgeschlossen hatte griff ich zum Telefon und wählte die private Rufnummer des Kollegen. An dieses Telefonat kann ich mich wohl nur mehr in Trance erinnern und habe meine Gedanken und Gefühle dazu auch selten bis gar nicht artikuliert.

Von der hochschwangeren Lebensgefährtin mußte ich erfahren, dass der 30jährige Kollege am Wochenende verstorben war. Soweit mir die gesundheitlichen Umstände bekannt sind hatte sich die überraschend aufgetretene Gehirnblutung nicht abgezeichnet.

Nur mit einem Kollegen, der um knapp zwanzig Jahre älter war als ich, hatte ich eine freundschaftliche Basis gefunden. Er bestätigte mir in einem später geführten Gespräch die Vermutung, dass der Tod des Kollegen wohl meine Kündigung nur im allerletzten Moment verhindert hatte – so unglaublich zynisch sich das auch anhören mag. Ein Wort über diesen Umstand wurde dennoch nie verloren.

Das Arbeitsklima war alles andere als gut und die Personalfluktuation in unserem Team recht hoch. Nicht selten hatten sich Kollegen freiwillig von dem Unternehmen abgewandt, wenn sie Möglichkeiten für eine bessere berufliche Zukunft sahen. Aufgrund dieses Umstandes zählte ich relativ bald zu den dienstälteren Kollegen und konnte es besser vermeiden mich zur Zielscheibe von Anfeindungen zu machen. Der Umgang unter den Kollegen verlief oberflächlich und durchaus konfliktbelastet. Rückblickend kann ich erkennen dass ich an einem zwischenmenschlichen Kontakt auch nicht wirklich interessiert war und meine Arbeiten am liebsten alleine verrichtete. Es war für mich aber auch unvorstellbar über Alternativen am Jobmarkt nachzudenken, wenngleich sich die ungewisse Zukunft unserer Arbeitsplätze allmählich abzuzeichnen begann.

Im Spätsommer 1996 fiel die Entscheidung, dass das Rechenzentrum Wien aufgelassen und mit der Zentrale in Vorarlberg fusioniert wird. Während sich manch andere Kollegen um neue Aufgabengebiete im Haus bemühten machte ich mir dazu keine Hoffnungen. Kurz vor Weihnachten absolvierte unser Schichtteam den letzten Arbeitseinsatz und mein Dienstverhältnis wurde mit Ende Jänner 1997 beendet.

Anders als noch vor mehr als sechs Jahren war ich nun aber nicht mehr gewillt den nächst besten Arbeitsplatz anzunehmen. Ich war seit Februar arbeitslos gemeldet und absolvierte aus eigener Motivation einen Netzwerkkurs an der Höheren Technischen Lehranstalt für Informationstechnologie. Natürlich versandte ich auch zahlreiche Bewerbungsschreiben, welche vorrangig aus Jobinseraten in Zeitungen resultierten. Ich war damals 25 Jahre alt und hatte sieben Jahren Erfahrung in der Branche vorzuweisen, was nicht die allerschlechtesten Voraussetzungen waren.

Meine Sorgen drehten sich weniger darum eine Anstellung als vielmehr ein möglichst konfliktfreies Umfeld zu finden. Am 16. Juni 1997 begann ein neuer und überwiegend positiver beruflicher Abschnitt, welcher über rund 18 Jahre anhalten sollte …

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